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Mittwoch, 15. Februar 2017

Masterplan?

Ich geb’s gerne zu: Ich war mir von Anfang an sicher, dass mit der Administration Trump ein Haufen Chaoten die Macht in den USA übernimmt. Ich war mir sicher, dass Trump zwar nicht arm war an kernigen Parolen, dass er aber keine Strategie hatte, wie diese umzusetzen seien.

In den ersten zwei Wochen seit der Amtseinführung bestimmte er die Schlagzeilen weltweit mit immer neuen Dekreten und Tweets. Wenn man auf die Reaktionen schaut, die er damit auslöst, so ist die Menschheit dreigeteilt in jene, die ihn für diesen Aktionismus feiern, jene, die mit wachsender Besorgnis gen Washington schauen und jene, die ob der scheinbaren Skurilität des Regierungsstils amüsiert den Kopf schütteln.  Wobei man natürlich, je nach Thema, auch mal aus einer Gruppe in die andere wechseln kann.

Mittlerweile stellt sich aber die Frage: Hat der Wahnsinn Methode? Steht hinter dem poltermdem Politneuling etwa doch ein Masterplan? Und wenn, wie könnte dieser aussehen?

Auffallend ist zunächst mal, dass Trump hart daran arbeitet, die Glaubwürdigkeit der Medien weiter zu beschädigen und die ganze schreibende Zunft zu verunsichern. Nun kann man natürlich immer und überall mit der Presse unzufrieden sein, sie als parteiisch empfinden oder ihnen mangelnde Sorgfalt vorwerfen. Trotzdem ist aber die Presse in einer Demokratie ein wichtiges Instrument. Sie hat die Aufgabe, den Mächtigen auf die Finger zu schauen, ihr Handeln und ihre Motivation zu hinterfragen.

Wenn Trump immer und immer wieder auf die etablierten Medien schimpft, ihnen die Verbreitung von Fake News unterstellt oder ihnen einfach nur abwertende Adjektive voranstellt, bleibt zumindest bei seinen Anhängern etwas hängen. Leider haben wir schon jetzt das Phänomen, dass sich Menschen nur noch innerhalb der sozialen Medien informieren, und dort bewegen sie sich oft in Filterblasen. Sie lesen die Meinungen von Freunden, die ihrem eigenen Denken nahe stehen.

Wenn Menschen auf diese Weise kritische Stimmen mehr und mehr ausblenden, werden sie leichter manipulierbar. Versagt besispielsweise die Wirtschaftspolitik kann man das innerhalb der Filterblase ganz leicht dem politischen Gegner anlasten, der nicht mitziehen will.

Das zweite auffallende in den ersten Wochen der Administration Trump war das Austesten der Grenzen in der Gewaltenteilung. Als das Einreiseverbot für Bürger 7 meist muslimischer Staaten die Grenzkontrolle an den Flughäfen in Chaos stürzte, begann sofort ein juristisches Tauziehen. Die Justizministerin Yates, die allerdings ohnehin nur interimistisch das Amt inne hatte, wurde gefeuert, weil sie daran zweifelte, ob das entsprechende Dekret verfassungsmässig sei.

Richtige Wellen schlug dann aber die erste grosse Niederlage für Trump vor einem Bundesgericht in Seattle. Der Einreisebann wurde ausgesetzt. Trump griff den Bundesrichter persönlich an, verunglimpfte ihn als „so genannten Richter“ („so called judge“) und die Entscheidung als lächerlich. Natürlich ging der Präsident sofort in Berufung, wo er letztendlich erneut scheiterte.

Man könnte das Ganze einfach nur als Posse betrachten. Aber vielleicht ist es auch mehr. Vielleicht ist es ein Angriff auf die Unabhängigkeit der Justiz, der dritten Kraft innerhalb der sich gegenseitig regulierenden Organe in einer demokratischen Gesellschaft. Dass der „rebellische“ Bundesrichter von Trump per Twitter beschuldigt wird, am nächsten Anschlag in den USA Schuld zu haben, deutet in die Richtung.

Richtig beunruhigend wird dann aber, was fast beiläufig passierte: Dass der höchst umstrittene Rechtsausleger Stephen „Steve“ Bannon in den nationalen Sicherheitsrat berufen wurde. Er ist einer der wichtigsten Berater des amtierenden Präsidenten, und nicht wenige Stimmen bezeichnen ihn als den eigentlichen Vordenker in der Administration. Viele der Dekrete, die in den ersten Tagen nach der Amtseinführung Trumps so viel Wirbel verursachten wurden wohl von Bannon unterschriftsfertig ins weisse Haus mitgebracht.

Wenn Trump keinen Masterplan hat, Bannon hat ihn bestimmt.


Montag, 23. Januar 2017

Alternative Fakten - eine kurze Betrachtung

Das Wort „Euphemismus“ bedeutet etwas beschönigen oder schönreden. Es stellt also einen negativen oder tabuisierten Sachverhalt verschleiernd oder auch gewollt missverständlich dar.

Euphemismen begegnen uns seit jeher in Texten aller Art. Schon in der Bibel finden wir sie, beispielsweise in der Weihnachtsgeschichte: „Josef nahm seine Frau zu sich, und er erkannte sie nicht, bis sie einen Sohn geboren hatte, und er nannte seinen Namen Jesus.(Matthäus 1, 24+25) 

Armer Josef, könnte man denken. Er muss geistig verwirrt gewesen sein. Demenz?! Er erkannte seine Frau nicht mehr. Zum Glück scheint sich sein Zustand verbessert zu haben nach der Niederkunft (auch so ein schönes Wort) seiner Frau. Postnatale Wiederherstellung des Gedächtnisses beim Mann.

Aber natürlich wissen wir, dass das Wort „erkennen“ in diesem Text eben nichts mit dem zu tun hat, was es gemeinhin bedeutet. Hier ist das Wort euphemistisch gebraucht, um nicht schreiben zu müssen, er hatte keinen Sex mit seiner Frau.

Wenn wir von einem Fussballspieler lesen, er habe ein rustikales Zweikampfverhalten, so wissen wir, dass er halt auch mal zu einem Foul greift, um den Gegner vom Ball zu trennen.

Spricht der Arzt von Stuhlgang, weiss wohl jeder, was gemeint ist. Ist doch auch netter, als wenn einen so ein Weisskittel fragt, ob man heute schon gesch… habe. Oder er uns mit dem Kindereuphemismus „a-a“ kommt.

Manchmal haben sich Euphemismen so ausgebreitet, dass sie niemandem mehr auffallen. Dass es wohl in jeder Regierung einen Verteidigungsminister gibt, versteht sich von selbst. Dass das gleiche Amt in nicht so ferner Vergangenheit Kriegsminister hiess, haben wir meist schon vergessen.

Damit verbunden wurde der Kriegsfall zum Verteidigungsfall, eine Offensive wird auch gerne Militärschlag genannt. Dass sich hinter einer ethnischen Säuberung ein Völkermord verbergen könnte, wird ganz schnell ausgeblendet. Und auch Kernwaffen klingen doch etwas harmloser als Atombomben. Und weil auch das Wort Kernwaffen schon zu viel von seinem verhüllenden Charakter verloren hat, taucht immer häufiger der neue Euphemismus auf: „Modernste Waffen“.

Apropos Krieg: Als Oliver Stone 1986 den Film „Platoon“ ins Kino brachte, hat er den Film als „Antikriegsfilm“ bezeichnet. Der Begriff traf den Nerv der Zeit, von einem Tag auf den anderen wurde die Genrebezeichnung „Antikriegsfilm“ in vielen Programmzeitschriften eingeführt, ganz gleich, ob „Rambo“, „Apocalypse now“ oder „Der längste Tag“ gezeigt wurde.

Dass einen der Chef von der Arbeit freisetzt sollte kein Anlass zum Jubel sein, denn dahinter verbirgt sich eine Entlassung. Vielleicht wird diese Entlassung mit einem Minuswachstum begründet. Man könnte es natürlich auch einfach Rezession nennen.

Natürlich werden auch Eigenschaften von Menschen in beschönigende Worte gepackt. Hat einer eine Rubensfigur, so ist er dick, gilt jemand als bildungsfern, hält man ihn für dumm. Und weil man halt manchmal nicht von Armen sprechen will, bezeichnet man die entsprechende Gruppe einfach als wirtschaftlich schwach.

Ein Euphemismus wird manchmal über Nacht geboren. So beglückte die PR-Beraterin von DJ Trump,  Kellyanne Conway, uns am Wochenende mit einer besonderen Wortschöpfung: „alternative Fakten“. 

Endlich sind Fakten nicht mehr an Wahrheiten gebunden! 

Früher musste man für die gleiche Aussage das unschöne und deshalb zu vermeidende Wort „Lügen“ gebrauchen.

Da ich mit einer Geschichte aus der Bibel begonnen habe liegt die Versuchung nahe, mal zu schauen, was aus ein paar ausgewählten Versen passieren könnte, wenn der neu entstandene Euphemismus in einigen Jahren in eine revidierte Bibelübersetzung Einzug hält:

Psalm 4;3: Wie lange werdet ihr Eitles lieben und alternative Fakten suchen?
Eph. 4;25: Deshalb legt die alternativen Fakten ab und redet Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten.


Sonntag, 22. Januar 2017

2 Tage danach, Gedanken zum 45.


Und das wollen Demokraten sein?“ habe ich als Titel eines Facebook Posts gelesen, in dem es darum ging, dass mehrere Dutzend Abgeordnete der demokratischen Partei planten, der Inauguration des 45. Präsidenten der USA fernzubleiben.

Schlechte Wahlverlierer!“ war ein Kommentar, den ich gelesen habe auf die Massenproteste in Washington gegen Trump, und der Donald selber twitterte die Frage: „Why didn’t these people vote?

Nun, Mr. President, diese Leute haben ja vielleicht tatsächlich gewählt. Schliesslich erhielt Hillary Clinton nach dem offiziellen Endergebnis der Wahl vom 9. November 2016 genau 2’865’075 Stimmen mehr als Sie.

Aber nein, ich will hier nicht das amerikanische Wahlmännersystem diskutieren.

Die Frage, die mich viel mehr beschäftigt, ist diese: Warum sollte es ein Problem in einer Demokratie sein, wenn gegen eine gewählte Person demonstriert wird? Warum sollte ein gewählter Abgeordneter nicht auch das Recht haben, meinetwegen aus Protest einer Amtseinführung eines anderen gewählten Mannes fernzubleiben? Zumal es hier um den Protest gegen einen Mann geht, der bislang so ziemlich jede Regel des gesellschaftlichen Anstandes oder der politischen Gepflogenheiten provokant in Frage gestellt hat.

Dass es dem Narziss Trump Pein bereitete, im Frühstücksfernsehen am Tag nach seiner Vereidigung Bilder zu sehen, in der die National Mall relativ spärlich besucht war, obwohl er von den Stufen des 
Capitols aus selber sah, dass da etwa 1 Million oder eineinhalb standen, ist verständlich, aber auch erschreckend, weil es zeigt, wie verzerrt die Wahrnehmung des neuen mächtigsten Mannes ist. Dass ihm der Vergleich mit den Menschenmassen bei der Amtseinführung Obamas vor 8 Jahren nicht gefällt, versteht sich von selbst. Und der Massenprotest am Samstag, der weit mehr Menschen gegen seine Person auf die Strasse brachte als bei der Inauguration zu seiner Unterstützung, muss ihn tief getroffen haben.

Manchmal ertappe ich mich in „was wäre wenn“- Gedankenspielen. Klar, müssig sich damit zu befassen, aber nehmen wir mal an, Clinton hätte in Florida 113’000 und in Michigan 11’000 Stimmen  mehr geholt und damit die entsprechenden Wahlmänner erhalten und die Wahl gewonnen. Wie wäre es dann weiter gegangen? Hätte Trump Frau Clinton am Morgen danach angerufen und zum Sieg gratuliert, wie sie es getan hat? Oder hätte er, was er ja im Wahlkampf ganz schelmisch offen liess, das Wahlergebnis angefochten, alle Hebel in Bewegung gesetzt und seine Anhänger mobilisiert? Man weiss es nicht.

Dass Trump an der Umsetzung seiner Wahlversprechen scheitern wird, scheint mir weiterhin sicher zu sein. Clinton wollte er einkerkern – davon ist wohl keine Rede mehr. Und dann wollte er den Sumpf in Washington austrocknen. Danach sieht es bei einem Blick auf sein Personal bei weitem nicht aus. Noch nie in der an wirtschaftlichen Verflechtungen nicht armen Geschichte der US Politik gab es wohl so offensichtliche Vetternwirtschaft wie beim gerade angetretenen Führungsstab der neuen Administration.

Obamacare zurücknehmen? Klar, da gibt es einiges zu verbessern. Nicht zuletzt deswegen, weil die Republikaner 8 Jahre lang so gut wie alles gemacht haben, um Obama zu hindern. Man kann da also nachbessern. Doch ein flüchtiger Blick auf das Kabinett Trumps lässt erahnen, dass die Krankenversicherung wohl einfach dahingehend verändert wird, dass die Finanzindustrie mehr und einfacher dran verdienen kann.

Die Mauer nach Mexiko? Vielleicht kommt sie ja doch noch. Mittlerweile traue ich Trump ja alles zu. Aber eigentlich bin ich mir auch da sicher, dass dieses Bauwerk eine weitere Fantasterei ist. Und wenn nicht? Na, dann wird „America“ vielleicht wieder „great“ werden, aber beengt durch eine Mauer.


Mittwoch, 11. Januar 2017

Lahme Ente?

Dieses Mal ist alles anders. Wenn üblicherweise ein Präsident in den USA sein Amt übergibt, wird er in den letzten Wochen seiner Amtszeit als lahme Ente bezeichnet. Es ist, so hat man es in Erinnerung, die Zeit, in der das Amt mehr oder weniger ruht. Der alte Präsident ist noch nicht weg, der Nachfolger aber noch nicht im Weissen Haus eingezogen.

Lahme Ente wird der sich verabschiedende Präsident in dieser Zeit genannt, und man spielt damit darauf an, dass er eben nichts mehr bewegt, nur noch seine Tage absitzt, seine letzten Besucher empfängt, seine letzten Reden hält, einige umstrittene Begnadigungen ausspricht und ansonsten seine Koffer packt. Was soll der mächtigste Mann der Welt denn sonst noch machen? Alles, was er in den Jahren seiner Amtszeit nicht auf die Reihe gebracht hat, wird jetzt in den letzten Tagen doch eh nichts mehr.

So war es jedenfalls bisher.

Man kann Barack Obama vieles nachsagen, aber sicherlich nicht, dass er bei seinem Abschied das Klischee des scheidenden "POTUS" als lahme Ente erfüllen würde. Ich kann mich nicht erinnern, in einer deutschsprachigen Medienberichterstattung der letzten zwei Monate diesen Ausdruck gehört zu haben, und falls er gefallen sein sollte, dann höchstens aus dem Munde Obamas himself in einer für ihn typischen Selbstironisierung.

Im Gegenteil, die Agenda des scheidenden Präsidenten scheint gut gefüllt zu sein. Bis zur letzten Stunde, so hat es den Anschein, will Obama die Weichen für eine Zukunft nach seiner Vision stellen. Manche werden es ihm sicherlich so auslegen, dass er seinem Nachfolger möglichst viele Brocken in den Weg legen will, ich sehe es aber freundlicher: Obama versucht, so viel wie möglich von seinem politischen Erbe ins Trockene zu bringen und die Zukunft, die er nicht mehr aus dem höchsten Amt mitgestalten kann, in eine gute Richtung vorzubereiten - und ich glaube, die Amerikaner werden es ihm dereinst danken!

Mittwoch, 7. Dezember 2016

Ein Sultan im Vatikan

Es klingt fast ein bisschen wie die konsequente Weiterführung der momentan beliebten populistischen Schreckensfantasien, wonach Europa islamisch unterwandert wird, doch es handelt sich hier nicht um Fiktion oder Satire, sondern um eine kleine, aber bemerkenswerte Episode der europäischen Geschichte.

Cem war der dritte und jüngste Sohn von Mehmed II. Der Vater hatte bekanntermassen am 29. Mai 1453 Konstantinopel erobert und damit das Byzantinische Reich beendet.

Als Mehmed im Jahre 1481 starb, entbrannte zwischen seinen Söhnen Bayezid und Cem ein Kampf um die Thronfolge. Cem hatte vom Tod seines Vaters erst erfahren, als dieser schon beigesetzt war, und als er schliesslich aus Konya im Zentrum Anatoliens nach Istanbul gelangte, hatte sich dort sein Bruder schon das Schwert des Dynastiegründers und Vorfahren Osman I. umgegürtet, was einer Krönung gleichkam.

Cem sammelte Getreue um sich und eroberte die ehemalige Hauptstadt Bursa, etwa 90 km südlich von Istanbul gelegen. In der Moschee der Stadt wurde er am 2. Juni 1481 zum Sultan ausgerufen, und er begann auch sofort, Silbermünzen mit der Prägung „Sultan Cem“ herzustellen. Sein Plan war wohl, sich mit seinem Bruder auf eine Reichsteilung zu einigen. Bayezid sollte von Istanbul aus die europäischen Provinzen beherrschen, Cem seinerseits Sultan über Anatolien sein.

Für den älteren Bruder kam eine Reichsteilung nicht in Frage. Er sammelte seinerseits Truppen und besiegte Cem am 22. Juli 1481 bei  Yenişehir etwa 50 km östlich von Bursa.

Für Cem begann eine wohl recht abenteuerliche Flucht, die ihn über Anatolien und Palästina nach Kairo führte. Dort fand er beim mamlukischen Sultan, dem mächtigsten Gegenspieler der Osmanen, Aufnahme und in der Folge auch Unterstützung, um in einem neuen Anlauf den Thron erneut zu erkämpfen.

Im März 1482 zog Cem, unterstützt von alten Getreuen, aber auch einigen Überläufern aus den Reihen Bayezids und einer kleineren Unterstützungstruppe der Mamluken, erneut nach Anatolien. Doch der ältere Bruder, der wohl durch Spionage recht gut über die Schritte Cems informiert war, besiegte ihn sehr schnell zum zweiten Mal.

Die nun folgende Flucht führte Cem zunächst nach Rhodos, das damals noch dem Johanniterorden unterstand. Der Grossmeister des Ordens, Pierre D’Aubusson, gewährte ihm Asyl, liess ihn aber bald nach Frankreich bringen, wo er in verschiedenen Burgen gefangen gehalten wurde. Der Osmane wurde als kostbares Gut für finanzielle und diplomatische Berechnungen gehalten. D’Aubusson akzeptierte eine jährliche Zahlung von 35’000 Golddukaten (nach anderen Quellen 45’000 Golddukaten) aus der Hand des Sultans Bayezid II mit der Auflage, ihn daran zu hindern, unter den europäischen Mächten nach Verbündeten für einen weitern Angriff auf den osmanischen Thron zu suchen. Ausserdem wurde der Herrscher am Bosporus erpresst, mit Europa dauerhaften Frieden zu halten, da ansonsten Cem als Anführer eines „Kreuzzuges“ gegen den Bruder aufgebaut würde.
Die Herrscher Europas verhandelten untereinander über das Recht, den Gefangenen zu behalten, da sie alle versuchten, die türkischen Gelder auf ihre Seite zu ziehen. Auch Papst Innozenz VIII spielte in den Ränken eifrig mit, und schliesslich konnte er die Geisel nach Rom bringen. Zukünftig erhielt er die Dukaten aus Istanbul. Als Gegenleistung an D’Aubusson wurde diesem die Kardinalswürde verliehen.

Den feierlichen Einzug Cems in Rom beschreibt der deutsche Historiker Ferdinand Gregorovius. Der Sohn des Eroberers von Konstantinopel ritt, umgeben von einigen Moslems, die ihn in sein Exil begleitet hatten, dem Oberpriester der Christenheit entgegen. Zahllose Menschenscharen säumten seinen Weg, und viele Edle zu Pferde grüssten ihn, doch Cem würdigte sie keines Blickes.

Am folgenden Tag wurde er vom Papst empfangen. Cem wurde hier wie ein christlicher Fürst behandelt, doch der Exilant vergass keinen Augenblick, dass er ein Bekenner des Propheten und der Sohn von Mehmed II war. Er verachtete die Anordnung des Zeremonienmeisters, sich vor dem Papst niederzuwerfen; stattdessen schritt er ruhig auf den Stellvertreter Christi zu und hauchte ihm flüchtig einen Kuss auf die Schulter.

Cem lebte in der Folge in, wie Gregorovius anmerkt, öden Gemächern, bewacht von einigen Ordensleuten aus Rhodos und stets in Furcht vor Auslieferung oder Gift. Zuweilen begab er sich auf die Jagd, vertrieb sich die Zeit mit Musik und Gastmählern.

Bayezid II indessen setzte alles daran, seinen Bruder endgültig zu beseitigen. Hatte er zunächst um eine Auslieferung verhandelt – in einer ersten Etappe des Exils bot er dem französischen König vertraglich Jerusalem an, dessen Eroberung er gerade betrieb – suchte er mittlerweile auch nach willfährigen Dienern, die einen schnellen Tod des Rivalen herbeiführen könnten.

Eine Begebenheit bedarf noch der besonderen Erwähnung. Ende 1490 traf eine türkische Delegation in Rom ein, die dem Papst 120’000 Dukaten für die Beherbung Cems, viele wertvolle Geschenke und das Versprechen eines ewigen Friedens brachten. Ein Minister dieser Delegation verlangte den Prinzen zu sehen und wurde von diesem wie von einem regierenden Sultan, sitzend auf dem Thron, empfangen. Er erhielt einen Brief von seinem Bruder, der aber erst entgegengenommen wurde, nachdem ihn der Minister innen und aussen abgeleckt hatte – wohl um die Befürchtung, es könnte Gift in irgendeiner Form im Spiel sein, zu zerstreuen. Die türkischen Gäste wurden in der Folge durch Cem im Palast der Päpste mit einem grosse Gastmahl bewirtet, was bei vielen Römern für Unmut sorgte, hielten da doch der Papst und ein Sultan gemeinsam Hof.

Papst Innozenz VIII starb am 25. Juli 1492, sein Nachfolger wurde Rodrigo Borgia als Alexander VI. Dieser neue Papst, bekanntermassen Geldgeschäften jeglicher Art kaum weniger zugetan als sein Vorgänger, soll schon bald nach der Übernahme des Pontifikats von Bayezid II aus Istanbul ein neuerliches Angebot zur Ermodung Cems erhalten haben.

Indes hatte der Papst bald andere Probleme: Der französische König Karl VIII zog nach Italien, eroberte Florenz und marschierte schliesslich in Rom ein. Ziel des Kriegzuges war Neapel, auf dessen Thron der französische König Anspruch erhob. Im Rahmen der diplomatischen Bemühungen des Papstes, seine eigenen politischen Pläne zu retten, überliess er schliesslich die türkische Geisel dem französischen König. Cem und seinen Nachfahren wurde ein neapolitanischer Fürstentitel verliehen, das Haus von Said, welches noch bis ca. 1600 Bestand hatte.

Karl VIII nahm Cem mit sich auf seinem Weg nach Neapel. Die Stadt wurde am 22. Februar 1495 eingenommen und Karl als König Neapels eingesetzt. Drei Tage später traf Cem in Neapel ein. Er war schon auf der Reise erkrankt und starb am 25. Februar 1495 in Neapel. Sofort gab es Gerüchte, man habe ihm auf Befehl des Papstes Gift in Form eines weissen Pulvers gegeben.

Für den französischen König, der dem Plan nachhing, einen neuerlichen Kreuzzug nach Kleinasien zu unternehmen und bei dieser Gelegenheit Cem als Verbündeten anstelle seines Bruders auf den Thron im Osmanischen Reich zu bringen, war der Tod ein schwerer Schlag. Die Rückeroberung des Bosporusses und Wiederauferstehung Byzanz’ konnte nicht stattfinden.


Und nur 34 Jahre nach dem Tod Cems stand der Enkel seines Bruders, Süleiman der Prächtige, vor den Toren Wiens.