Dieses Mal ist alles anders. Wenn üblicherweise ein Präsident in den USA sein Amt übergibt, wird er in den letzten Wochen seiner Amtszeit als lahme Ente bezeichnet. Es ist, so hat man es in Erinnerung, die Zeit, in der das Amt mehr oder weniger ruht. Der alte Präsident ist noch nicht weg, der Nachfolger aber noch nicht im Weissen Haus eingezogen.
Lahme Ente wird der sich verabschiedende Präsident in dieser Zeit genannt, und man spielt damit darauf an, dass er eben nichts mehr bewegt, nur noch seine Tage absitzt, seine letzten Besucher empfängt, seine letzten Reden hält, einige umstrittene Begnadigungen ausspricht und ansonsten seine Koffer packt. Was soll der mächtigste Mann der Welt denn sonst noch machen? Alles, was er in den Jahren seiner Amtszeit nicht auf die Reihe gebracht hat, wird jetzt in den letzten Tagen doch eh nichts mehr.
So war es jedenfalls bisher.
Man kann Barack Obama vieles nachsagen, aber sicherlich nicht, dass er bei seinem Abschied das Klischee des scheidenden "POTUS" als lahme Ente erfüllen würde. Ich kann mich nicht erinnern, in einer deutschsprachigen Medienberichterstattung der letzten zwei Monate diesen Ausdruck gehört zu haben, und falls er gefallen sein sollte, dann höchstens aus dem Munde Obamas himself in einer für ihn typischen Selbstironisierung.
Im Gegenteil, die Agenda des scheidenden Präsidenten scheint gut gefüllt zu sein. Bis zur letzten Stunde, so hat es den Anschein, will Obama die Weichen für eine Zukunft nach seiner Vision stellen. Manche werden es ihm sicherlich so auslegen, dass er seinem Nachfolger möglichst viele Brocken in den Weg legen will, ich sehe es aber freundlicher: Obama versucht, so viel wie möglich von seinem politischen Erbe ins Trockene zu bringen und die Zukunft, die er nicht mehr aus dem höchsten Amt mitgestalten kann, in eine gute Richtung vorzubereiten - und ich glaube, die Amerikaner werden es ihm dereinst danken!
Mittwoch, 11. Januar 2017
Lahme Ente?
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Mittwoch, 21. Dezember 2016
Liveticker?
Ich bin erklärtermassen ein News Junkie. Wenigstens ein
Browserfenster meines Computers ist immer auf einer Nachrichtenseite
aufgeschlagen, und mehrmals täglich, wenn ich mal kurz am Schreibtisch
vorbeikomme, aktualisiere ich das Fenster und überfliege die Nachrichten.
Wenn, wie ganz aktuell, mit dem Attentat auf den
Weihnachtsmarkt in Berlin ein Ereignis vorliegt, das unbestritten alle
betroffen macht, findet man in Kürze auch einen Liveticker, der uns über die
neuesten Entwicklungen auf dem Laufenden hält. So weit, so gut.
Wobei… Wenn ich dann die Informationen überfliege, die sich
im Verlauf der letzten 36 Stunden in besagtem Liveticker angesammelt haben, bin
ich mir nicht mehr so sicher, wie gut das ganze ist.
Ja, ich bin interessiert zu erfahren, was es an Neuigkeiten gibt. Aber oftmals gibt es nach der ersten Berichterstattung eines
Vorkommnisses längere Zeit keine nennenswerten Entwicklungen mehr. Doch der Liveticker ist bereits
installiert, und er will gefüttert werden. Ein Liveticker, in dem nichts Neues
zu lesen ist, hat keinen Wert, also muss einfach wenigstens einmal pro Stunde,
wenn es geht auch etwas häufiger, ein neuer Post rausgehauen werden.
Wo anfangs sachlich (wenn auch mitunter übereilt) berichtet
wird, finden bald alle möglichen Spekulationen Platz. „Spur führt zu….“ Ist dann
da zu lesen, oder „Der mutmassliche Täter soll schon früher xy gemacht haben“. Wir
erfahren, dass ein neuer Verdächtiger verhört wird und lesen wenig später, dass
offenbar nichts gegen ihn vorliegt.
Zwischendurch die eine oder andere Stellungnahme eines Politikers, gefolgt von der Stellungnahme eines Konkurrenten im politischen Geschäft, dann
wieder eine kurze Information, welchen Ansatz zur Ergreifung des Täters die
Polizei als nächstes plant. Es sind kleine Brocken Information, die einem nicht
wirklich Wichtiges mitteilen, aber das Gefühl geben, mit dabei zu sein. Und
die, so mein Verdacht, schnell mal die Stammtischgespräche befeuern.
Ich habe mir angewöhnt, den Liveticker zu ignorieren. Stattdessen
warte ich, bis sich eine Nachricht so stark verfestigt hat, dass sie im
üblichen Nachrichtenteil der Onlinemedien erscheint – in der Regel nicht mehr
nur als Dreizeiler, der im Konjunktiv verfasst ist.
Sonntag, 18. Dezember 2016
SCHOCK! Tierschänder und vergiftete CDs!
Seit ich bei Facebook bin habe ich nun endlich auch vermehrt
Anschluss an die Schreckensmeldungen des Alltags. Die Kampagnen aus dem
amerikanischen Wahlkampf verebben langsam, wobei die Nachlaufzeit der Meldungen
in den sozialen Medien schon bemerkenswert ist. Aber von Aufatmen kann keine
Rede sein.
Um mal zwei brandaktuelle, schockierende Nachrichten
aufzugreifen, die mich diese Woche erreicht haben: Da gibt es zum ersten die
Geschichte eines Tierquälers, der einen Hund erschossen hat und
anschliessend mit dem toten Tier posiert, zum zweiten die
eindringliche Warnung, dass Muslime CDs mit Korantexten und islamischer Musik
in Briefkästen verteilen, wobei die Sendung vergiftet sein soll.
Manchmal frage ich mich, warum sich Facebook mit c schreibt.
Schockierende Berichte, in denen Tiere vorkommen, verbreiten
sich besonders gut. Die Empörung ist vorprogrammiert, die Weiterverteilung
sicher. Wer prüft da schon, was es mit der Sache wirklich auf sich hat?
Zugegeben, das Beispiel mit dem getöteten Hund lässt sich
nicht so schnell und unzweifelhaft aufklären wie manche andere Geschichte. Es
gibt im angehängten Text keine Quelle, der einzige dort auffindbare Link führt
auf eine 404-error Seite. Gibt man aber die wenigen in der Nachricht gebotenen
Details (Ort, wo der Vorfall stattgefunden haben soll, das Stichwort „getöteter
Hund“ oder wahlweise auch „killed dog“ in eine Suchmaschine ein, stösst man auf weitere Infos.
Weitere Infos? Nun ja, eigentlich nicht. Man stösst auf 2
weitere Seiten, diesmal in englischer Sprache, die die gleiche Geschichte
erzählen. Das Erscheinungsbild der Seiten verrät schon mal, dass man es eher
mit einem Boulevardblatt zu tun hat, und ein paar Klicks später bestätigt sich
dieser erste Eindruck. Auch hier keine Angaben von Quellen. Aber, interessant:
Der Artikel erschien dort 11 Monate früher.
Noch mal der Check auf der deutschsprachigen Seite, die in
meinem Facebook Feed aufgetaucht ist. Nein, hier ist nicht ersichtlich, dass es
sich um eine alte Geschichte handeln soll. Stattdessen erhält man die
Möglichkeit, eine Petition zu unterschreiben.
Solange ich nicht weiss, ob eine Geschichte stimmt,
unterzeichne ich schon mal gar nichts!
Die zweite Geschichte, die mit den vergifteten CDs, ist ein
Paradebeispiel für Panikmache. Im Moment sind es, tragischerweise, verstärkt
„die Fremden“, denen alle Schandtaten zugetraut werden.
Erschreckend ist eigentlich, wie leichtfertig solche Inhalte
geteilt werden. Man traut den Ausländern, den Flüchtlingen oder den
Andersgläubigen einfach alles zu. Und eine Aufklärung wäre so simpel: Einfach
mal 2, 3 Stichworte bei Google eingeben, also im vorliegenden Fall „vergiftete
CD“, und man stösst auf dutzenderweise Seiten, die diese vermeintliche
Nachricht als Lüge entlarven.
Viele Menschen trauen den grossen Medien nicht mehr und
verlassen sich lieber auf das, was ihnen von Freunden erzählt wird. Nun ist das
ja nichts Neues. Wer kennt nicht die Geschichte von der Spinne in der Yuccapalme,
die man von einem Freund gehört hat, der denjenigen kennt, bei dem ein
Sonderkommando der Schädlingsbekämpfung eingefallen ist…
Man nennt solche Geschichten moderne Sagen oder auch Hoax. Ja,
ich weiss, ein Hoax unterscheidet sich von einer modernen Sage, aber ich ziehe
die Begriffe hier der Einfachheit halber zusammen.
Diese Geschichten geistern wohl schon so lange rum, seit
Menschen sich Geschichten erzählen, sie sind also keine Erfindung des
Internetzeitalters. Was sich aber verändert hat, ist die Geschwindigkeit, mit
der sich diese Sagen verbreiten können – und damit im Extremfall auch die
Geschwindigkeit, mit der Lügen ganze Volksgruppen diffamieren, ausgrenzen und
zum Feindbild machen können. Dabei bringt das Internet zusammen mit dem Problem
auch die Lösung: Quellen zu recherchieren ist oft sehr einfach,
Lügen lassen
sich schnell entlarven und stoppen – wenn man es denn will.
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Mittwoch, 7. Dezember 2016
Ein Sultan im Vatikan
Es klingt fast ein bisschen wie die konsequente
Weiterführung der momentan beliebten populistischen Schreckensfantasien, wonach
Europa islamisch unterwandert wird, doch es handelt sich hier nicht um Fiktion
oder Satire, sondern um eine kleine, aber bemerkenswerte Episode der
europäischen Geschichte.
Cem war der dritte und jüngste Sohn von Mehmed II. Der Vater
hatte bekanntermassen am 29. Mai 1453 Konstantinopel erobert und damit das
Byzantinische Reich beendet.
Als Mehmed im
Jahre 1481 starb, entbrannte zwischen seinen Söhnen Bayezid und Cem ein Kampf um die
Thronfolge. Cem hatte vom Tod seines Vaters erst erfahren, als dieser schon
beigesetzt war, und als er schliesslich aus Konya im Zentrum Anatoliens nach
Istanbul gelangte, hatte sich dort sein Bruder schon das Schwert des
Dynastiegründers und Vorfahren Osman I. umgegürtet, was einer Krönung
gleichkam.
Cem sammelte Getreue um sich und
eroberte die ehemalige Hauptstadt Bursa, etwa 90 km südlich von Istanbul
gelegen. In der Moschee der Stadt wurde er am 2. Juni 1481 zum Sultan
ausgerufen, und er begann auch sofort, Silbermünzen mit der Prägung „Sultan
Cem“ herzustellen. Sein Plan war wohl, sich mit seinem Bruder auf eine
Reichsteilung zu einigen. Bayezid sollte von Istanbul aus die europäischen
Provinzen beherrschen, Cem seinerseits Sultan über Anatolien sein.
Für den älteren Bruder kam eine
Reichsteilung nicht in Frage. Er sammelte seinerseits Truppen und besiegte Cem
am 22. Juli 1481 bei Yenişehir etwa 50 km östlich von Bursa.
Für Cem
begann eine wohl recht abenteuerliche Flucht, die ihn über Anatolien und
Palästina nach Kairo führte. Dort fand er beim mamlukischen Sultan, dem
mächtigsten Gegenspieler der Osmanen, Aufnahme und in der Folge auch
Unterstützung, um in einem neuen Anlauf den Thron erneut zu erkämpfen.
Im März
1482 zog Cem, unterstützt von alten Getreuen, aber auch einigen Überläufern aus
den Reihen Bayezids und einer kleineren Unterstützungstruppe der Mamluken,
erneut nach Anatolien. Doch der ältere Bruder, der wohl durch Spionage recht
gut über die Schritte Cems informiert war, besiegte ihn sehr schnell zum
zweiten Mal.
Die nun folgende Flucht führte Cem zunächst nach Rhodos, das
damals noch dem Johanniterorden unterstand. Der Grossmeister des Ordens, Pierre
D’Aubusson, gewährte ihm Asyl, liess ihn aber bald nach Frankreich bringen, wo
er in verschiedenen Burgen gefangen gehalten wurde. Der Osmane wurde als
kostbares Gut für finanzielle und diplomatische Berechnungen gehalten.
D’Aubusson akzeptierte eine jährliche Zahlung von 35’000 Golddukaten (nach
anderen Quellen 45’000 Golddukaten) aus der Hand des Sultans Bayezid II mit der
Auflage, ihn daran zu hindern, unter den europäischen Mächten nach Verbündeten
für einen weitern Angriff auf den osmanischen Thron zu suchen. Ausserdem wurde
der Herrscher am Bosporus erpresst, mit Europa dauerhaften Frieden zu halten,
da ansonsten Cem als Anführer eines „Kreuzzuges“ gegen den Bruder aufgebaut
würde.
Die Herrscher Europas verhandelten untereinander über das Recht,
den Gefangenen zu behalten, da sie alle versuchten, die türkischen Gelder auf
ihre Seite zu ziehen. Auch Papst Innozenz VIII spielte in den Ränken eifrig mit,
und schliesslich konnte er die Geisel nach Rom bringen. Zukünftig erhielt er
die Dukaten aus Istanbul. Als Gegenleistung an D’Aubusson wurde diesem die
Kardinalswürde verliehen.
Den feierlichen Einzug Cems in Rom beschreibt der deutsche
Historiker Ferdinand Gregorovius. Der Sohn des Eroberers von Konstantinopel
ritt, umgeben von einigen Moslems, die ihn in sein Exil begleitet hatten, dem
Oberpriester der Christenheit entgegen. Zahllose Menschenscharen säumten seinen
Weg, und viele Edle zu Pferde grüssten ihn, doch Cem würdigte sie keines
Blickes.
Am folgenden Tag wurde er vom Papst empfangen. Cem wurde hier wie
ein christlicher Fürst behandelt, doch der Exilant vergass keinen Augenblick,
dass er ein Bekenner des Propheten und der Sohn von Mehmed II war. Er
verachtete die Anordnung des Zeremonienmeisters, sich vor dem Papst
niederzuwerfen; stattdessen schritt er ruhig auf den Stellvertreter Christi zu
und hauchte ihm flüchtig einen Kuss auf die Schulter.
Cem lebte in der Folge in, wie Gregorovius anmerkt, öden
Gemächern, bewacht von einigen Ordensleuten aus Rhodos und stets in Furcht vor
Auslieferung oder Gift. Zuweilen begab er sich auf die Jagd, vertrieb sich die
Zeit mit Musik und Gastmählern.
Bayezid II indessen setzte alles daran, seinen Bruder endgültig zu
beseitigen. Hatte er zunächst um eine Auslieferung verhandelt – in einer ersten
Etappe des Exils bot er dem französischen König vertraglich Jerusalem an,
dessen Eroberung er gerade betrieb – suchte er mittlerweile auch nach
willfährigen Dienern, die einen schnellen Tod des Rivalen herbeiführen könnten.
Eine Begebenheit bedarf noch der besonderen Erwähnung. Ende 1490 traf
eine türkische Delegation in Rom ein, die dem Papst 120’000 Dukaten für die
Beherbung Cems, viele wertvolle Geschenke und das Versprechen eines ewigen
Friedens brachten. Ein Minister dieser Delegation verlangte den Prinzen zu
sehen und wurde von diesem wie von einem regierenden Sultan, sitzend auf dem
Thron, empfangen. Er erhielt einen Brief von seinem Bruder, der aber erst
entgegengenommen wurde, nachdem ihn der Minister innen und aussen abgeleckt
hatte – wohl um die Befürchtung, es könnte Gift in irgendeiner Form im Spiel
sein, zu zerstreuen. Die türkischen Gäste wurden in der Folge durch Cem im
Palast der Päpste mit einem grosse Gastmahl bewirtet, was bei vielen Römern für
Unmut sorgte, hielten da doch der Papst und ein Sultan gemeinsam Hof.
Papst Innozenz VIII starb am 25. Juli
1492, sein Nachfolger wurde Rodrigo Borgia als Alexander VI. Dieser neue Papst,
bekanntermassen Geldgeschäften jeglicher Art kaum weniger zugetan als sein
Vorgänger, soll schon bald nach der Übernahme des Pontifikats von Bayezid II
aus Istanbul ein neuerliches Angebot zur Ermodung Cems erhalten haben.
Indes hatte der Papst bald andere
Probleme: Der französische König Karl VIII zog nach Italien, eroberte Florenz
und marschierte schliesslich in Rom ein. Ziel des Kriegzuges war Neapel, auf
dessen Thron der französische König Anspruch erhob. Im Rahmen der diplomatischen
Bemühungen des Papstes, seine eigenen politischen Pläne zu retten, überliess er
schliesslich die türkische Geisel dem französischen König. Cem und seinen
Nachfahren wurde ein neapolitanischer Fürstentitel verliehen, das Haus von
Said, welches noch bis ca. 1600 Bestand hatte.
Karl VIII nahm Cem mit sich auf seinem
Weg nach Neapel. Die Stadt wurde am 22. Februar 1495 eingenommen und Karl als
König Neapels eingesetzt. Drei Tage später traf Cem in Neapel ein. Er war schon
auf der Reise erkrankt und starb am 25. Februar 1495 in Neapel. Sofort gab es
Gerüchte, man habe ihm auf Befehl des Papstes Gift in Form eines weissen
Pulvers gegeben.
Für den französischen König, der dem
Plan nachhing, einen neuerlichen Kreuzzug nach Kleinasien zu unternehmen und
bei dieser Gelegenheit Cem als Verbündeten anstelle seines Bruders auf den
Thron im Osmanischen Reich zu bringen, war der Tod ein schwerer Schlag. Die
Rückeroberung des Bosporusses und Wiederauferstehung Byzanz’ konnte nicht
stattfinden.
Und nur 34 Jahre nach dem Tod Cems
stand der Enkel seines Bruders, Süleiman der Prächtige, vor den Toren Wiens.
Montag, 28. November 2016
Die angebliche jüdische Kriegserklärung (1933)
Die Stimmen, die geschichtsrevisionistische Ansichten und
Deutungen vortragen, scheinen sich in jüngster Zeit zu mehren und stossen in
einer Gesellschaft, in der Schlagworte wie „Mainstreammedien“ oder gar „Lügenpresse“
weite Verbreitung finden, auf grosse Resonanz. Per Definition geht es der
Geschichtsrevision darum, das gültige und durch die wissenschaftliche Forschung
fundierte Geschichtsbild zu hinterfragen, es zu erschüttern und, wenn möglich, dadurch
die Deutungshoheit über Vorgänge in der Vergangenheit zu gewinnen. Selbst wenn
diese letztendliche Umdeutung der Geschichte kaum je vollumfänglich erreicht
werden kann, so kann man doch feststellen, dass ganz egal, wie absurd eine
abweichende Ansicht auch sein mag, sie doch bei einzelnen zu verfangen mag. Irgend
etwas bleibt halt immer hängen…
Dabei kommen kaum neue Argumente zur Anwendung. Geschichtsrevisionisten
bedienen sich immer wieder gerne bei – in aller Regel längst widerlegten – Behauptungen
früherer Gesinnungsgenossen.
Es muss wohl nicht speziell erwähnt werden, welche Gruppen
diese Gedanken immer und immer wieder gerne ausgraben, und auch nicht, dass sie
in einer zunehmend populistischeren Öffentlichkeit gerne gehört werden.
Ganz speziell die Naziherrschaft in Deutschland ist ein sehr
ergiebiges Feld für revisionistische Theorien aller Art. Dabei geht es nicht nur
um das absolute Extrem, die Leugnung des
Holocausts, sondern auch um vielerlei andere Ansichten, die aber, bei
konsequenter Weiterverfolgung, oft in genau dieser Extremposition gipfeln.
Der Weg Deutschlands in den Krieg ist zum Beispiel ein sehr
beliebtes Thema dieser Gruppen. Es wird dabei behauptet, Hitler hätte
eigentlich den Frieden gewollt, wurde aber von seinen Nachbarn (oder, je nach Betonung
und Zielgruppe, von der Wall Street, vom „Weltjudentum“, von der britischen
Wirtschaft, vom Bolschewismus etc.) in den Krieg gedrängt.
Eine solche Behauptung, die gerade wieder neu aufgetischt
wird, ist die angebliche jüdische Kriegserklärung an Deutschland aus dem Jahre
1933.
Am 24. März 1933 brachte die britische Boulevardzeitung „Daily
Express“ einen Artikel mit dem irreführenden Titel „Judea declares war on
Germany“ („Judäa erklärt Deutschland den Krieg“). Im genannten Artikel wurde
von einem Boykottaufruf jüdischer Geschäftsleute gegen deutsche Waren und
Produkte berichtet. Der reisserische Titel stand im Gegensatz zum Text im Artikel
darunter. Darin wurde zwar von Boykottaufrufen, die eine Reaktion auf die
mittelalterliche Hetze gegen Juden in Deutschland waren, berichtet, es wurde aber auch ausdrücklich
darauf hingewiesen, dass erst in einer Sondersitzung am darauffolgenden Sonntag
von seiten der britischen Juden auf diese Boykottaufrufe eingegangen würde. In
dieser Sitzung am 27. März 1933 wurden diese schliesslich abgelehnt.
Man kann sich auch die Frage stellen, wie diese angebliche Kriegserklärung
von den Machthabern im 3. Reich betrachtet wurde.
Zunächst ist festzuhalten, dass eine Kriegserklärung von
einem Staatsorgan ausgesprochen wird, der über die zum Kriege notwendigen
Bevollmächtigung und auch über die entsprechenden Mittel verfügt. Beides trifft
im vorliegenden Fall nicht zu. Es gab zu der Zeit keine jüdische Regierung und
keinen jüdischen Staat.
In der Propaganda des 3. Reiches, in der dieser „Daily
Express“ – Artikel durchaus auftaucht, wird lediglich von „Greuelpropaganda“
oder „Antideutscher Hetze“ gesprochen. Das Regime im Deutschen Reich hat keine
Vorbereitungen für einen bevorstehenden Kriefgsfall getroffen, was ja auch
gänzlich lächerlich gewesen wäre.
Die nationalsozialistische Propaganda hat sich auf diesen
Artikel bezogen, als sie zum 1. April 1933 ihrerseits zum „Judenboykott“
aufgerufen hat. Dieser Bezug ist wohl nur vorgeschoben; der Boykottaufruf der
NSDAP war keine Abwehrmassnahme und keine Reaktion auf eine britische
Schlagzeile, sondern nur ein weiterer Schritt zur Diskriminierung deutscher
Juden. Diese hatten übrigens schon in den 20er Jahren mit der Erstarkung der
nationalsozialisten Bewegung angefangen und lässt sich aus dem im Jahre 1920
veröffentlichten 25-Punkte-Programm der NSDAP herleiten.
Übrigens wurde der deutsche Boykott jüdischer Geschäfte am
4. April offiziell für beendet erklärt, nachdem er schon am Abend des 1. April wegen
der Passivität der Deutschen eingestellt wurde.
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Donnerstag, 24. November 2016
Statisten
Bei meiner täglichen Lektüre des "Hollywood Reporters" wurde ich darüber informiert, dass Peter Sumner gestorben ist. Des weiteren erfuhr ich, dass er ein Statist im ersten Star Wars Film von 1977 war. Offenbar gab es Fans, die ihn für die 2 Sätze, die er in diesem Film sprach, ehe er von Chewbacca getötet wurde, ein Leben lang verehrten.
Was mich wieder mal nachdenken liess über die Nebenrollen und ihre Darsteller. Oder gar über die Statisten, die kaum Erwähnung finden, aber Filmgeschichte geschrieben haben.
Oft sind es die kleinen Szenen, die prägend für einen Film wurden. Die Statisten, die in mancher solcher Szenen auftreten, bleiben oft ohne Erwähnung im Abspann, aber sie leben fort, wann immer man über den Film spricht.
So zum Beispiel der Arzt im 2. Akt von Sergei Eisensteins "Panzerkreuzer Potemkin". Ein kleiner, spitzbärtiger Mann, der gerufen wird, als die Schiffsbesatzung sich über das schlechte Essen beschwert. Dem Arzt wird Fleisch hingehalten, dass er eingehend studiert; er nimmt dazu sogar seinen Zwicker ab und betrachtet das Fleisch, indem er den Zwicker als Lupe benutzt. Eisenstein zeigt dann, was der Arzt durch diese Lupe sieht: Hunderte von Maden, die auf dem Fleisch wimmeln. Die nächste Einstellung ist der Arzt, der sich den Zwicker wieder aufsetzt und verkündet, das Fleisch sei absolut einwandfrei.
Oder ich denke an Garry Owen. Nie gehört? Aber sicherlich haben Sie ihn schon gesehen. Zumindest, wenn Sie einige der Klassiker des Hollywood - Kinos kennen. Garry Owen hat in rund 200 Filmen mitgespielt, blieb aber meistens unerwähnt. Er spielte unter anderem in Filmen mit William Powell, James Stewart, Gary Cooper, Humphrey Bogart, Stan Laurel und Oliver Hardy. Einige Male war er Polizist, so etwa in Hitchcocks "Berüchtigt", mal Reporter oder der Mann hinter dem Schalter, aber überdurchschnittlich oft Taxifahrer.
Und als Taxifahrer bleibt er auch unvergessen. Seine Paraderolle hatte er nämlich in Frank Capras Film "Arsen und Spitzenhäubchen" aus dem Jahre 1944. Stundenlang wartete er da vor dem Haus auf das frischvermählte Paar, das er zum Bahnhof bringen sollte. Wieder und wieder öffnet er den Wagenschlag und gibt den aktuellen Stand des Taxometers bekannt. Und dann erhält er, welch grosse Ehre für einen Statisten, das letzte Wort, ein bleibendes Filmzitat: "Ich bin kein Taxifahrer, ich bin eine Kaffeekanne!"
Garry Owen starb übrigens 1951 im Alter von nur 49 Jahren in Hollywood.
by Desmond J. Sheldrake
Was mich wieder mal nachdenken liess über die Nebenrollen und ihre Darsteller. Oder gar über die Statisten, die kaum Erwähnung finden, aber Filmgeschichte geschrieben haben.
Oft sind es die kleinen Szenen, die prägend für einen Film wurden. Die Statisten, die in mancher solcher Szenen auftreten, bleiben oft ohne Erwähnung im Abspann, aber sie leben fort, wann immer man über den Film spricht.
So zum Beispiel der Arzt im 2. Akt von Sergei Eisensteins "Panzerkreuzer Potemkin". Ein kleiner, spitzbärtiger Mann, der gerufen wird, als die Schiffsbesatzung sich über das schlechte Essen beschwert. Dem Arzt wird Fleisch hingehalten, dass er eingehend studiert; er nimmt dazu sogar seinen Zwicker ab und betrachtet das Fleisch, indem er den Zwicker als Lupe benutzt. Eisenstein zeigt dann, was der Arzt durch diese Lupe sieht: Hunderte von Maden, die auf dem Fleisch wimmeln. Die nächste Einstellung ist der Arzt, der sich den Zwicker wieder aufsetzt und verkündet, das Fleisch sei absolut einwandfrei.
Oder ich denke an Garry Owen. Nie gehört? Aber sicherlich haben Sie ihn schon gesehen. Zumindest, wenn Sie einige der Klassiker des Hollywood - Kinos kennen. Garry Owen hat in rund 200 Filmen mitgespielt, blieb aber meistens unerwähnt. Er spielte unter anderem in Filmen mit William Powell, James Stewart, Gary Cooper, Humphrey Bogart, Stan Laurel und Oliver Hardy. Einige Male war er Polizist, so etwa in Hitchcocks "Berüchtigt", mal Reporter oder der Mann hinter dem Schalter, aber überdurchschnittlich oft Taxifahrer.
Und als Taxifahrer bleibt er auch unvergessen. Seine Paraderolle hatte er nämlich in Frank Capras Film "Arsen und Spitzenhäubchen" aus dem Jahre 1944. Stundenlang wartete er da vor dem Haus auf das frischvermählte Paar, das er zum Bahnhof bringen sollte. Wieder und wieder öffnet er den Wagenschlag und gibt den aktuellen Stand des Taxometers bekannt. Und dann erhält er, welch grosse Ehre für einen Statisten, das letzte Wort, ein bleibendes Filmzitat: "Ich bin kein Taxifahrer, ich bin eine Kaffeekanne!"
Garry Owen starb übrigens 1951 im Alter von nur 49 Jahren in Hollywood.
by Desmond J. Sheldrake
Mittwoch, 23. November 2016
Das Konzept Verunsicherung
Als ich mich mal mit einem Freund intensiv über Verschwörungstheorien ausgetauscht habe, wollte ich mir ein möglichst umfassendes Bild machen, was da alles so im Umlauf ist. Ich habe mir, verteilt über mehrere Wochen, viele Videos auf Youtube angeschaut. Ich wurde über Chemtrails unterrichtet, lernte Klimaskeptiker kennen, traf an allen Ecken und Enden auf Freimaurer, wurde belehrt über die Gefahren der Neuen Weltordnung (NWO) - und kam aus dem Kopfschütteln nicht mehr raus.Seither schlägt mir Youtube immer mal wieder ähnliche Videos vor, die Algorithmen haben Fährte aufgenommen. Es kommt vor, dass ich auf diese Angebote eingehe. Einfach, um das Kopfschütteln nicht zu verlernen.
Man kann sicherlich über vieles diskutieren, guten Argumenten bin ich aufgeschlossen. Einen Abend mit ein paar Freunden, einer Flasche Wein und der zu erörternden Frage zu verbringen, wer denn nun Kennedy weswegen ermordet hat, kann durchaus reizvoll sein.
Die Theorien aber, denen ich in den erwähnten Videos begegne, sind leider anderer Art. Argumente? Fehlanzeige. Plausibilität? Überprüfbarkeit? Nichts.
Aktuelles Beispiel gefällig? Da muss ich noch einmal die Präsidentschaftswahlen 2016 in den USA bemühen.
Es wurde auf einem Kanal im Vorfeld der Wahl unermüdlich betont, wie schrecklich es wäre, wenn Frau Clinton gewinnen würde. Sie stehe für die - da ist sie wieder - Neue Weltordnung, es wäre auch nur eine Frage der Zeit, bis sie den 3. Weltkrieg vom Zaun brechen würde, ausserdem drohe die Wirtschaft unter ihrer Ägide total zusammenzubrechen etc. etc. Lohnt sich gar nicht, hier alles aufzuzählen.
Jedenfalls war sich der Autor dieser Meldungen sicher, dass die Wahl Clintons auf alle Fälle verhindert werden muss. Man hat gejubelt, als kurz vor dem Wahl durch das FBI noch einmal Strafuntersuchungen gegen Hillary eingeleitet wurden. Und man war sich sicher, dass, sollte sie trotz allem die Wahl gewinnen, Betrug im Spiel sein müsse. Oder dass es einfach zeige, wie unbegrenzt die Macht der von irgendwelchen dunklen Mächten kontrollierten Medien sei.
Jetzt, 2 Wochen nach der Wahl, begegnete ich auf dem gleichen Kanal der verstörenden Meldung, dass möglicherweise der Wahlsieg Trumps ein genialer Schachzug der NWO gewesen sei, um eine Weltregierung zu etablieren.
Nach dieser Logik hätte das Clinton - Lager durch ihre enge Vernetzung an der Wall Street erfahren, dass eine neue Rezession ins Haus steht. Da ist es natürlich gut, einen Schuldigen zu haben, am besten den Hausherrn im Weissen Haus. Also hat man alles getan, dass Hillary auf jeden Fall verlieren muss. FBI - Untersuchungen, vielleicht sogar Wahlbetrug zugunsten Trumps...
Kopfschütteln. Heftiges Kopfschütteln!
Warum wird erst alles so rum erzählt, und dann plötzlich ist die ganze Sache gerade andersrum? Und dann fallen mir die verwendeten Formulierungen auf. "Könnte es nicht sein, dass..." - "Haben Sie sich nicht auch schon gefragt, ob...." - "Wie ist es denn möglich, dass..."
Da versucht man nicht aufzuklären, sondern zu verunsichern. Und wenn man noch den obligatorischen Baustein "Leider berichten die Mainstream - Medien darüber nicht" verwendet,
ist das grosse Verunsicherungsgebäude fertig.
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